Bevor die erste Frage überhaupt gestellt ist, muss Harun erst einmal lachen. Vor der Kamera zu sitzen und ganz ernst über sich selbst zu sprechen, ist für ihn noch ungewohnt. Dabei gehört genau das inzwischen zu seinem Alltag: Termine, Auftritte, Videodrehs und immer wieder die Insel.
Seit März 2026 geht es für den 30-Jährigen Schlag auf Schlag. Mit seiner ersten Partyschlager-Single „Geblitzt“ ging er auf TikTok durch die Decke, kurz darauf unterschrieb er bei Universal. Dass er einmal als „Malletürke“ am Ballermann auftreten würde, hätte er vor ein paar Jahren selbst nicht gedacht. Schlager hat er lange überhaupt nicht gehört, und nach Mallorca wollte er eigentlich nie.
So plötzlich, wie es von außen aussieht, kam der Erfolg allerdings nicht. Davor lagen Jahre mit eigenen Songs, Projekte, die nicht funktioniert haben, und eine Zeit, in der Harun ziemlich an sich gezweifelt hat.
Ein ganz normales Leben in Bünde
„Mein Leben war davor ganz normal“, erzählt Harun. Er machte viel Sport, absolvierte seine Ausbildung bei EDEKA und arbeitete dort auch lange. Danach jobbte er mal hier, mal da. „Ein stinknormales Leben eben.“
Musik gehörte trotzdem immer dazu. Harun schrieb seine Songs selbst, damals allerdings noch als Rapper. Mit Schlager konnte er lange Zeit nichts anfangen.
Der erste Malle-Trip
„Ich habe bis 2023 gar keinen Schlager gehört und wollte auch nie nach Malle …“, sagt er. Seine Jungs wollten ihn trotzdem dabeihaben. Irgendwann gab er nach: „Dann habe ich gesagt: Komm, ich komme jetzt einfach einmal mit.“
Aus dem einen Mal wurde schnell mehr. „Ich habe mich in die Insel verliebt. Die Momente dort, wenn du einfach abfeierst und abschaltest, den ganzen Stress vergisst.“
Zurück zu Hause probierte er es zum ersten Mal mit Partyschlager. Den passenden Namen hatten sein Produzent und sein damaliger Musikpartner schnell parat. „Die haben gesagt: Du bist doch Türke, nenn dich einfach Malletürke.“ Einen Türken am Ballermann hatte es bis dahin nicht gegeben, und genau darin sahen sie ihre Chance.
Als es schiefging
Ganz reibungslos lief der Start aber nicht. Durch seine ersten Songs wurde ein Partner aus Berlin auf Harun aufmerksam, der selbst eine große Reichweite hatte. Zusammen machten sie ein paar Projekte. „Da habe ich gedacht, das kann nicht schieflaufen“, erinnert er sich. „Aber dann ist es tatsächlich schiefgelaufen.“
Die Zeit danach beschreibt Harun als eine der schwersten in seinem Leben. Er musste wieder arbeiten gehen und war mit dem Fahrrad unterwegs, weil nicht einmal ein Auto drin war. „Das war wirklich emotional für mich. Ich saß in meinem dunklen Zimmer und habe nachgedacht, warum ich es schon wieder verkackt habe.“
Aufgeben wollte er trotzdem nicht. „Allein wegen meines Egos, allein weil ich der erste Türke bin. Ich bleib dran. Ich weiß, dass ich das schaffe.“
Also setzte er sich wieder allein hin und schrieb Songs, ohne großen Plan im Hintergrund. Im März 2026 brachte er „Geblitzt“ heraus. „Und von heute auf morgen hat sich dann quasi alles verändert.“
Sechs Labels an einem Wochenende
Wie schnell es danach ging, überrascht ihn bis heute. Die Promo startete eine Woche vor dem Release. Am Freitag lud Harun das erste Video hoch, am Samstag das zweite, und am Sonntag meldeten sich bereits die Labels. „Da gab es noch nicht mal den Tanz, da gab es noch gar nichts.“
Sony, Universal, Summerfield, Zeitgeist – insgesamt sechs Labels fragten gleichzeitig an. Für Harun war das der Moment, in dem er realisierte, was da gerade passiert. „Früher habe ich mich immer bei Unternehmen beworben und musste hoffen, dass ich zwischen zehn anderen angenommen werde. Diesmal war es andersrum. Wir mussten uns zwischen großen Labels entscheiden und den anderen dann absagen.“
Am Ende unterschrieb er bei der Universal Music Group (Universal Music Germany / Island Berlin). Kein Label sei auf der Insel so gut vernetzt, erklärt er, auch Ballermann Radio und die Ballermann Hits gehören dazu. Außerdem wollte Universal den Malle-Türken langfristig aufbauen und nicht nur einen einzelnen Song rausbringen.
Den Tag der Vertragsunterzeichnung in Berlin zählt er zu seinen schönsten Momenten. „Als ich das bekanntgeben durfte, hatte ich das Gefühl, in ganz Bünde war eine Schweigeminute.“

Das erste Selfie im Fitnessstudio
Erkannt wurde Harun zum ersten Mal nur vier Tage nach dem Promostart, ausgerechnet in seinem Fitnessstudio in Bünde. „Da kam so ein Junge und hat gesagt: Du machst doch TikTok.“ Der junge Mann wollte ein Selfie, kurz darauf kam noch ein Mädchen dazu, das ebenfalls ein Foto wollte. „Das waren meine ersten beiden Selfies. Ich dachte mir erst mal, ich bin Michael Jackson“, sagt er und lacht.
Heute passiert das ständig und an den unterschiedlichsten Orten, ob auf Mallorca, bei EDEKA, bei REWE oder an der Tankstelle. „Von jung bis alt ist alles dabei.“ Das liegt vor allem an TikTok. Harun hat dort zwar nur rund 10.000 Follower, zehn seiner Videos haben aber jeweils mehr als 1,5 Millionen Aufrufe. In einem Monat kam er auf 40 bis 50 Millionen Profilaufrufe. „Folgen tun halt weniger Leute, aber gucken tun sehr viele.“
Zu Hause auf der Insel
Auf Mallorca fühlt sich Harun inzwischen wie zu Hause. Die negativen Kommentare, die er manchmal in den sozialen Medien liest, hat ihm dort noch niemand ins Gesicht gesagt. „Im Gegenteil, die haben alle Bock auf den Türken.“
Viele sind überrascht, wenn sie ihn zum ersten Mal live sehen, weil sie ihn sich viel kleiner vorgestellt haben. Ganze Gruppen tauchen mit seinem Logo auf den Shirts auf und tanzen mit ihm. „An dieser Stelle an alle, die da hinreisen: Ich liebe euch.“

Auch bei den Schlagerstars ist er angekommen. Für seine neue Single „Sandra Maleikum“ drehte er mit vielen bekannten Gesichtern der Szene und brachte sie dazu, mit ihm Halay zu tanzen. „Das war schon ein richtig schöner Moment für mich.“ Eigentlich war das Ziel für die ganze Saison, dass die Insel den Malletürken überhaupt kennenlernt. „Ich glaube, da sind wir zur Halbzeit schon sehr, sehr weit vorne.“
Ein neues Leben mit neuem Druck
So schön die Erfolge sind, das neue Leben hat auch seinen Preis. „Ich musste mein altes Leben abgeben“, sagt Harun. Er ist weggezogen, weil ihn inzwischen ein Sponsor unterstützt. Zeit hat er kaum noch, ständig kommen neue Termine dazu.
Hinzu kommt ein Druck, den andere Künstler so nicht kennen. „Ich bin der einzige Türke am Ballermann und wahrscheinlich auch der letzte. Da gucken alle gerne mal genauer hin.“ Jeden Tag aufs Neue zeigen zu müssen, dass er es draufhat, empfindet er als doppelten Druck. Trotzdem versucht er, locker zu bleiben und das Momentum mitzunehmen.
Rückhalt bekommt er von seiner Familie. Auch wenn es von außen vielleicht anders wirkt, wenn ein Türke Schlager singt: „Die gönnen mir das von ganzem Herzen. Danke an dieser Stelle an meine Eltern, ich liebe euch.“

Einfach dranbleiben
Wer Harun zuhört, merkt schnell, wie sehr ihn die schwere Zeit vor dem Durchbruch geprägt hat. Genau deshalb ist ihm eine Botschaft besonders wichtig:
„Egal, wer in welcher Situation im Leben ist: einfach Geduld haben. Wenn es heute nicht klappt, kann es immer noch klappen, ob nächstes Jahr oder übernächstes Jahr. Dranbleiben, durchziehen und an sich selbst glauben.“